Veranstaltungsarchiv

Eine Geschichte, wie sie Hollywood dramatischer nicht erdenken könnte ...

GRENZGÄNGE(R) - unter diesem Motto stehen die Konzerte beim Liszt Festival in Raiding vom 12.-26. Juni, wo Franz Liszt als Erneuerer und als progressiver Musiker seiner Zeit präsentiert wird. Und auf der Galerie des Liszt-Zentrums wartet ein besonderer, historischer Bösendorfer-Flügel auf Sie.

Zu den vielen gut erhaltenen Bösendorfer Flügeln, auf denen Franz Liszt selbst gespielt hat, zählt auch der im Jahre 1877 gefertigte so genannte Heiller-Flügel.
Er stammt aus dem Nachlass des Wiener Musikers und Komponisten Anton Heiller (1923-1979) und weiß eine ganz besondere Geschichte zu erzählen, die wir in der Heillerschen Familien-Chronik gefunden haben.

Der Bösendorfer Flügel von 1877 aus dem Besitz der Familie Heiller. Auf ihm konzertierte bereits Franz Liszt. "Die denkwürdige Rolle des braven Klaviers fand ihren Eintrag in die Familienchronik von 1881."

Der Bösendorfer Flügel von 1877 aus dem Besitz der Familie Heiller. Auf ihm konzertierte bereits Franz Liszt. "Die denkwürdige Rolle des braven Klaviers fand ihren Eintrag in die Familienchronik von 1881."

Büste von Franz Liszt vor dessen Geburtshaus in Raiding

Büste von Franz Liszt vor dessen Geburtshaus in Raiding

Spurenfolge

Seit über 100 Jahren wird zur Geschichte dieses Familienklaviers von Generation zu Generation weitergegeben, dass Franz Liszt um das Jahr 1878 auf diesem Instrument ein Hauskonzert gegeben hat. Somit umspielt diesen stattlichen fuchsbraunen Flügel, dessen Saiten noch auf einem Holzrahmen aufgezogen sind, eine Aura der historischen Besonderheit.  

Mit großer Wahrscheinlichkeit hat Liszt das klanglich und optisch schöne Instrument in Wien, Lichtenthal, bei seinem Erstbesitzer, einem vermögenden Glasfabrikanten, zum Klingen gebracht, bald nachdem dieser, er hieß Ernst Stölzle, es am 10. Dezember 1877 erworben hatte, was im Archiv der Erbauerfirma Bösendorfer nachzulesen ist. Doch schon kurz nach diesem frühen Höhepunkt seines klingenden Instrumentenlebens gelangte der Bösendorfer mit der Opuszahl 1496 nach Baden bei Wien und in das Eigentum einer Familie Steidl.  

Die Umstände dieses schnellen Besitzerwechsels liegen im Dunklen. Wir wissen aber, dass Theresia Steidl, geboren 1824 als Theresia Heiller, das Klavier sehr bald selbst weitergegeben haben muss – und zwar an die Familie ihres älteren Bruders Anton Heiller (1816-1884). Dieser gab ihm nun einen sehr beständigen und wertgeschätzten Platz in seiner Villa in Dornbach, im heutigen 17. Wiener Gemeindebezirk, was vor allem seinem musischen Sohn Anton Heiller jun.          (1848-1913) zugute kam. (Geburts- und Sterbedaten sind hier zur besseren Orientierung angezeigt: Denn das jeweilige heillersche Familienoberhaupt hieß über ca. 150 Jahre hinweg stets „Anton" mit Vornamen. Als wirkte dieser Vorname wie ein Schutzschild, erreichte von mehreren Geschwistern immer nur jeweils der eine, traditionell auf „Anton" getaufte Sohn das Erwachsenenalter, und das durch vier Generationen hindurch – eine traurige Merkwürdigkeit.)

Die bekannte österreichische Pianistin mit bulgarischen Wurzeln Dora Deliyska bewunderte anlässlich ihres jüngsten Konzertes in Raiding den Heiller Flügel.

Die bekannte österreichische Pianistin mit bulgarischen Wurzeln Dora Deliyska bewunderte anlässlich ihres jüngsten Konzertes in Raiding den Heiller Flügel.

Schubert über alles

Anton Heiller jun., nun also schon der dritte dieses Namens, war im Brotberuf höherer Beamter in der Wiener Niederlassung der „Anglo-Oesterreichische Bank". Er muss besonders glücklich über das neue Familieninstrument gewesen sein, denn er war ein großer Musikliebhaber und spielte leidenschaftlich gern Klavier. Vor allem „Liederfürst" Franz Schubert hatte es ihm angetan.

So veranstaltete er in seinem Haus wiederholt private Schubert-Soiréen, und sein eigener Sohn Anton Maximilian (1897–1965) weiß noch später in seinem „Curriculum Vitae" zu berichten, dass seine Eltern Anton und Maria „es besonders liebten, an jedem nur möglichen Wochenende gemeinsam am Klavier zu sitzen, um die neu erschienen Schubertalben zu erforschen". 

Es lag offensichtlich an den familiären Genen, dass sich auch dieser Sohn des musikalischen Ehepaars wieder ganz und gar zur Musik hingezogen fühlte. Dennoch schlug Anton Maximilian auf Anraten seines bankbediensteten Vaters eine Beamtenlaufbahn ein: Die Freude an der Musik sollte allein dem privaten Bereich vorbehalten bleiben. Und das beherzigte er. In jungen Jahren privat zum Sänger ausgebildet, betätigte er sich zeitlebens nebenberuflich passioniert als Chorleiter und war auch auf kleineren Bühnen als durchaus gefragter Opern-Buffo sehr aktiv.  

8. Dezember 1881

In seinen Erinnerungen schreibt Anton Maximilian, der sich beim Singen gekonnt am Klavier selbst begleitete, und der fast täglich darauf gespielt hat: „Ich verdanke der Liebe meiner Eltern zu Schubert sogar indirekt mein Leben“.

Er erzählt weiter, dass sich die Eltern eines Tages, es war der 8.12.1881, „an ihrem geliebten Klavier wieder einmal so hingebungsvoll in die Musik Schuberts vertieft hatten, dass sie sogar beschlossen, ihre Opernkarten verfallen zu lassen und weiter ihrem Klavierspiel und Gesang zu frönen“. 

Der Ringtheaterbrand war eine der größten Brandkatastrophen des 19. Jahrhunderts in Österreich-Ungarn und ereignete sich am 8. Dezember 1881 in Wien.

Der Ringtheaterbrand war eine der größten Brandkatastrophen des 19. Jahrhunderts in Österreich-Ungarn und ereignete sich am 8. Dezember 1881 in Wien.

Ringtheaterbrand

Der von ihnen ursprünglich so freudig erwartete zweite Abend der Wiener Erstaufführung von Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ sollte also ohne Anton und Maria Heiller beginnen. Doch dazu kam es gar nicht mehr.

Die gasbetriebenen Bühnenscheinwerfer waren defekt und lösten beim Zünden mit ihren Stichflammen eine Katastrophe aus: Der auch wegen seiner „Todesfalle“, den nach innen öffnenden Türen des Gebäudes, zu tragischer Berühmtheit gelangte Ringtheaterbrand riss an diesem Abend fast 400 Menschen in den Tod. 

Dass Franz Schubert an diesem unvergessenen Tag für die Familie Heiller zum Schutzpatron und Haus-Heiligen avancierte und noch von allen nachfolgenden Generationen als indirekter Lebensspender bedankt wurde, wird kaum verwundern. Natürlich fand zugleich auch die denkwürdige Rolle des braven Klaviers ihren Eintrag in die Familienchronik des Jahres 1881. 

Anton Maximilian durfte somit 1897 glücklich das Licht der Welt erblicken und übertrug später als Vater den verdienstvollen Bösendorfer an seinen Stammhalter, Anton Franz Heiller, der 1923 geboren wurde. Und wieder wurde nicht nur das alte Instrument vererbt, sondern zum wiederholten Male auch die brennende Liebe zur Musik.

Anton Heiller war ein hochangesehener Konzertorganist. Er widmete sich insbesondere den Werken Johann Sebastian Bachs (Foto Nerio).

Anton Heiller war ein hochangesehener Konzertorganist. Er widmete sich insbesondere den Werken Johann Sebastian Bachs (Foto Nerio).

Anton, der IV.

In diesem Anton, dem vierten und letzten der im Jahr 1816 begonnenen Vornamensserie, offenbarte sich nun – wie in einer Summe der Passionen seiner vorangegangenen Ahnenreihe – eine musikalische Ausnahmebegabung.
Heillers Leben als international angesehener Interpret und Komponist war früh zu erahnen, er spielte bereits in Kindertagen auf dem alten Familieninstrument schnell sämtliche erhältliche Musikliteratur und improvisierte stundenlang vor seinen staunenden Eltern.  Ab seinem elften Lebensjahr wurden es dann die musikalischen Möglichkeiten der Orgel, die diese zum bestimmenden Instrument für seine Weltkarriere machen sollten.  

Anton Heiller daheim am Bösendorfer (1956)

Anton Heiller daheim am Bösendorfer (1956)

Den alten braunen Bösendorfer, dem sich inzwischen ein etwas kleinerer, schwarzer Bruder hinzugesellt hatte, spielte Anton Heiller aber daheim noch bis in die 60er Jahre, oft auch vierhändig, mit seinem Vater und vor allem mit seiner Frau, der Cembalistin und Konzertpianistin Erna Heiller (1922-2007). Sie hat nach dem viel zu frühen Tod ihres Ehemannes im Jahr 1979 noch viel und oft über ihre schönen Erinnerungen an das gemeinsame Musizieren an diesem Familienklavier berichtet.  

 

Dieser "Bösendorfer-Liszt-Schubert-Ringtheater-Heiller-Flügel" ist nun im Raidinger Liszt-Zentrum zu bewundern, als Leihgabe zur Verfügung gestellt von den gegenwärtigen Eigentümern Dr. Birgitta und Dr. Bernhard Heiller. In ihrem Begleitbrief an das Liszt-Zentrum schreiben sie:

Wir denken, dass unsere Eltern mit unserem Entschluss sehr einverstanden gewesen wären, dass ihr „alter Bösendorfer“, der in einem Centennium insgesamt vier Heiller-Generationen unendlich viel Musik geschenkt hat, nun den Geburtsort jenes großen Franz Liszt besucht, der ihn vor über 100 Jahren mit seinen Händen selbst zum Erklingen gebracht hat.  Wir wünschen dem Liszt-Zentrum in Raiding, seinen Intendanten, allen hier auftretenden Künstlern, seinen Förderern und Besuchern aufs Herzlichste viel Erfolg und reiche Musikerlebnisse!  

Wir danken Frau Dr. Birgitta und Herrn Dr. Bernhard Heiller für diesen interessanten Beitrag aus der Familienchronik (der nun auch Teil der Bösendorfer Geschichte ist).
Rupert Löschnauer

(Fotocredits: Thomas Mersich/Nerio/Bernhard Heiller/Rupert Löschnauer)