Journal: Juries in Competition


Wenn Können entscheidet


An der Universität Mozarteum fand die Weltpremiere des Klavier-Wettbewerbes „Juries in Competition“ statt. Vom 5. bis 14. Februar gaben vier Jurys hierzu ihr Urteil ab - drei Fachjurys, zusammengestellt aus versierten Personen aus der Welt des Klaviers, komplettiert mit einer Publikumsjury.

Was diesen Wettbewerb zur Weltpremiere werden ließ, war der Beitrag der Bösendorfer Klavierfabrik in Form von zwei Bösendorfer Konzertflügeln 280VC mit dem revolutionären Disklavier Enspire Pro System. Dieses System ermöglicht per W-LAN zwei Flügel miteinander zu verbinden und das Spiel eines Teilnehmers auf dem ersten Flügel live und identisch zeitgleich auf dem zweiten Flügel wieder zu geben. Während die Teilnehmer im Solitaire Saal des Mozarteums vor zwei Jurys traten, konzentrierten sich die Juroren im Wiener Saal ausschließlich auf Ihr Gehör - eine ganz besondere Herausforderung.

 

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Univ. Professor Klaus Kaufmann

Hinter der Idee, einen Wettbewerb der besonderen Art ins Leben zu rufen, steckt Univ. Prof. Klaus Kaufmann: “Wir wollten herausfinden wie verlässlich die Urteile bei Wettbewerben sind. Das spieltechnische Niveau und das stilistische Wissen der jungen Pianistinnen und Pianisten ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen, so dass heutzutage bei Wettbewerben weitgehend nur noch subjektive Nuancen für die Juryentscheidungen verantwortlich sind. Wir haben uns bei diesem Wettbewerb für eine Bewertung im ja/nein Prinzip entschieden, das heißt die Juroren geben lediglich bekannt, ob ein Kandidat die nächste Runde erreicht. Generell wird meist das Punktesystem von eins bis 25 angewendet. Dieses System hat aber einen deutlichen Schwachpunkt in der Bewertung. Manche Juroren geben jemandem, der sie gar nicht überzeugt hat, 15 Punkte und jemandem der sie begeistert hat 24 Punkte. Andere Juroren wiederum geben als Höchstnote 17 Punkte und als niedrigsten Wert einen Punkt. Das persönliche Bewertungssystem der Juroren spielt somit eine sehr große Rolle.“

Die Ergebnisse der Bewertung werden nach dem Wettbewerb gründlich ausgewertet und später im Rahmen eines kleinen Symposiums veröffentlicht. Dies soll zeigen, wie die Urteile der Jurys im Detail zustande gekommen sind.

Gänzlich neu für alle Juroren war es die Teilnehmerinnen oder Teilnehmer nicht zu sehen, sondern nur zu hören – quasi nur vor einem selbst spielenden Flügel zu sitzen. Jurymitglied Barbara Moser sagte dazu: „Es ist gar nicht so einfach sich nur auf die Musik zu konzentrieren. Man ermüdet schneller, das hätte ich eigentlich nicht gedacht. Die Idee an sich ist sehr spannend, jedoch gilt es zu bedenken, dass zwei Flügel nie exakt gleich klingen. Es gibt immer Unterschiede aufgrund von Raumtemperatur und Raumakustik, deshalb erlebt man sicher nicht dasselbe Konzert wie wenn man dem Kandidaten gegenüber sitzt. Es ist allerdings eine gute Idee, die in Zukunft sicherlich eine ergänzende Möglichkeit sein kann um Objektivität zu fördern.“

Letztendlich schafften es sieben von ca. 60 Teilnehmern ins Finale zu kommen. Der Hauptteil der Zuschauer lauschte den jungen Pianistinnen und Pianisten im Solitaire Saal. Der Wiener Saal, in dem der Bösendorfer Flügel alleine auf der Bühne stand, war eher spärlich besucht. Umso interessanter war die Atmosphäre für jene Besucher, die sich entschlossen hatten den Wettbewerb auf diese Art zu verfolgen. Am Finaltag befanden sich im Wiener Saal allerdings die meiste Zeit über nie mehr als fünf Zuhörer, von denen vier Personen die Mitglieder der Bösendorfer Jury waren.

Eine Zuhörerin, die sich ganz bewusst für den Wiener Saal entschieden hatte, erzählte begeistert: „Es ist wunderbar, Musik auf diese Weise zu erleben, so rein und pur. Es ist ein tolles Erlebnis, wenn man bedenkt, dass wir hier ein Live-Konzert mitverfolgen, dass in einem anderen Gebäude stattfindet. Das ist die Zukunft.“

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Die Bewertung der Jury erfolgte im ja/nein Verfahren.

Im Solitaire Saal (Foto links) spielten die Teilnehmer persönlich vor den Jurymitgleidern auf dem ersten 280VC Enspire, während sich die Jury im Wiener Saal (Foto rechts) ausschliesslich auf den Klang konzentrierte, der aus dem Mozarteum simultan auf dem zweiten 280VC zu hören war.

 

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Natürlich war das Prozedere auch für die Teilnehmer ein Novum. Faktisch an zwei Orten gleichzeitig zu spielen, ist sicherlich keine Alltäglichkeit. Das Disklavier Enspire Pro ist an sich bereits eine unvergleichliche technische Errungenschaft, aber natürlich war es auch sehr interessant zu erfahren, wie die einzelnen Teilnehmer ihr Spiel empfanden.

„Heute habe ich das erste Mal auf einem Bösendorfer Flügel mit Disklavier Enspire Pro gespielt und es besteht wirklich kein Unterschied zum Spiel auf einem rein akustischen Flügel. Ich habe auf einem Flügel eines anderen Herstellers mit neuem Aufnahmesystem gespielt, aber man kann das mit Bösendorfer kaum vergleichen. Bei Bösendorfer lassen sich die Möglichkeiten beinah ins unendliche potenzieren“, so Sergey Belyavskiy, der von zwei Jurys als Erster gekürt wurde.

Anastasia Vorotnaya kommentierte den Wettbewerb und das Spiel am Enspire Pro so: „Für mich war es das erste Mal auf einem Disklavier zu spielen. Es war eine Herausforderung ständig im

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Hinterkopf zu haben, wie sich wohl mein Spiel auf dem zweiten Flügel anhört. Ich halte diesen Wettbewerb und dieses Experiment für eine Bereicherung und kann mir gut vorstellen, dass man mit dieser Art des Bewertungssystems Wettbewerbe ergänzen kann, um ein faireres Ergebnis zu erzielen.“

Die Fachleute waren sich jedenfalls einig darüber, dass es wohl auch in Zukunft keine Wettbewerbe oder Prüfungssituationen geben wird, bei denen die Teilnehmer vor der Jury verborgen werden, jedoch könnte es eine Ergänzung zur gängigen Praxis werden.

Am Ende des Wettbewerbs standen ein Galakonzert und die Preisverleihung, die von den ausgezeichneten Teilnehmern, Juroren und Publikum gleichermaßen begeistert aufgenommen wurden. Besonderes Highlight war eine alte Walzenaufnahme aus den 1920er Jahren, einer vierhändig gespielten Mozartsonate, die von Bösendorfer für das Disklavier Enspire Pro System adaptiert wurde. Nach hundert Jahren das Klavierspiel von Menschen zu erleben, von denen zwar nicht der Name, jedoch ihr unvergleichliches Spiel überdauert hat, berührte alle Anwesenden zutiefst. Letztendlich ist es doch genau das, was Musik zu einer einzigartigen Kunstform erhebt -  das Erlebnis - egal auf welche Weise es zustande kommt.

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Galakonzert und Preisverleihung

Die Jurys und deren vergebene Preise im Detail:

Bösendorfer Jury:
Michel Bèroff – Cons. national superieur de musique & danse de Paris
Eleonore Bünnig – Musikjournalistin und Kritikerin
Ayami Ikeba – Universität für Musik und darstellende Kunst Graz
Rolf Plagge - Universität Mozarteum
David Kuyken – Conservatorium van Amsterdam

Preise
1.Preis Yedam Kim
2.Preis Oleksii Kanke
3.Preis Anastasia Vorotnaya

Bankhaus Carl Spängler Jury:
Ewa Kupiec – Hochschule für Musik, Theater & Medien Hannover
Anna Malikowa- Konzertpianistin
Peter Hagmann – Musikjournalist
Andreas Weber – Universität Mozarteum Salzburg
Emmanuel Mercier - Cons. national superieur de musique et danse de Paris

Preise:
1.Preis Sergey Belyavskiy
2. Preis Alexander Panfilov
3.Preis Oleksii Kanke

 

Salzburg Jury:
Andreas Groethuysen – Universität Mozarteum
Yoko Tsunekawa – Musikjournalistin
Barbara Moser – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Jacques Rouvier – Universität Mozarteum
Andrea Lucchesini – Scuola di Musica di Fiesole

Preise:

1.Preis Sergey Belyavskiy
2.Preis Anastasia Vorotnaya
3.Preis Alexander Panfilov

Auditoriums Jury:
Dr. Michael Pallauf
Barbara Schmuck
Dr. Antonia Gobiet
Eveline Böhm-Bruynincx
Sylvia Madsack
Renate Perl
Dr. Renate Wonisch-Langenfelder
Dr. Michael Wonisch

Auditoriumspreis: Alexander Panfilov

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Alle Preisträger: Anastasia Vorotnaya 3. Preis Jury "Bösendorfer" / 2. Preis Jury "Salzburg", Yedam Kim 1. Preis Jury "Bösendorfer, Sergey Belyavskiy 1. Preis Jury "Bankhaus Carl Spängler" / 1. Preis Jury "Salzburg", Oleksii Kanke 2. Preis Jury "Bösendorfer / 3. Preis Jury "Bankhaus Carl Spängler", Alexander Panfilov 2. Preis Jury "Bankhaus Carl Spängler" / 3. Preis Jury "Salzburg" / Sonderpreis der Auditoriums-Jury
© Universität Mozarteum/Christian Schneider

 

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Klaus Kaufmann (Künstlerischer Leiter des Wettbewerbes), Eleonore Büning (Jury "Bösendorfer"), Anastasia Vorotnaya (3. Preis Jury "Bösendorfer" / 2. Preis Jury "Salzburg"), Mag. Sabine Grubmüller (Bösendorfer), Yedam Kim (1. Preis Jury "Bösendorfer), Ayami Ikeba (Jury "Bösendorfer"), Oleksii Kanke (2. Preis Jury "Bösendorfer / 3. Preis Jury "Bankhaus Carl Spängler"), Rolf Plagge (Jury "Bösendorfer"), David Kuyken (Jury "Bösendorfer")
© Universität Mozarteum/Christian Schneider

Universität Mozarteum


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Fotos im Text: Roland Pohl