Bösendorfer Journal - Ringstraßenkorso


Ein Sonntagvormittag um 1900 auf Wiens Flaniermeile


Wer noch nie die Ringstraße besucht hat, der war noch nicht in Wien. Jene historische Flaniermeile, die mehr als jede andere die Lebensader einer Epoche war. Eine Straße die Welten verband.

Weder die Champs Élyseés in Paris, noch der Kurfürstendamm in Berlin strahlen so eine mondäne Atmosphäre aus, wie die Wiener Ringstraße. Nein, das ist keine verklärte Sicht auf die eigene Heimat. Es ist eine Tatsache!

Kein anderes Land wurde auf diese Art geformt, durch imperiale Größe geprägt, durch Weltkriege gebeutelt und letztendlich von Alliierten am 8. Mai 1945 befreit. All das kann der aufmerksame Beobachter auf der Ringstraße entdecken, vielleicht nicht immer im Offensichtlichen, jedoch in den Schwingungen und den Details, die dieser Ort immer noch in sich trägt. Eine Flaniermeile, die zum Verweilen und zum Schlendern anregt, die Träume beflügelt, die Fantasie anregt und so manchen großen Geist inspirierte, heute genauso wie an einem Sonntagvormittag um 1900.

Die Sonne lacht und wie jeden Sonntagvormittag ist viel los auf den Straßen. Die Kaffeehäuser sind voll, sowohl die Konditorei Gerstner, das Sacher als auch der DemelDie Fiaker rufen sich gegenseitig ihre derben Grußworte an den Kopf und die Straßenbahn entlässt in einiger Entfernung ihr typischesKlingeln in die Luft. Die Ringstraße ist nicht mehr weit.

Ludwig biegt um die Ecke und sieht sich in mitten der Menschen. Frauen, die ihre neuesten Errungenschaften in Sachen Mode zur Schau stellen, Männer in ihren Uniformen mit Orden behängt und stolz geschwellter Brust säumen die Ringstraße. Die Litfaßsäulen versuchen mit bunten Plakaten die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die gesamte Welt versucht an diesem Ort gesehen zu werden, in dieser Metropole, dem Herz Europas. Über den Spaziergängern zwischen der Kärntner Straße und dem Schwarzenbergplatz liegt der Glanz eines der mächtigsten Herrscherhäuser Europas, das über 600 Jahre lang Stabilität gewährte.

Von all dem bemerkt Ludwig Bösendorfer so gut wie gar nichts. Er grübelt vor sich hin, denn in seinem Kopf schwirrt und summt es wie in einem Bienenstock. Er bemerkt nicht einmal, dass Otto Wagner direkt neben ihm auf die Ringstraße tritt und ihm entgegen lächelt, während er ihm Worte des freundschaftlichen Grußes entbietet. Gustav Mahler geht ein paar Schritte vor Ludwig, den Kopf leicht gesenkt,ihm haftet eine unsichtbare Größe an, die er selbst wohl kaum bemerkt.

Ludwig lächelt, doch er nimmt von den Menschen rund um ihn wohl kaum Notiz. Selbstverständlich lächelt er den Menschen, die ihn grüßen entgegen, doch eigentlich arbeitet er. Ferruccio Busoni liegt ihm seit Tagen in den Ohren. Busoni arbeitet an einer Transkription von Bachs Orgelwerken, jedoch benötigt er für dessen meisterhafte Klangvorstellungen von 16 und 32 Fuß Oktavbässen einer Orgel mehr Basstöne.

 

Ludwig hat bereits eine Idee, die ihn während der Nächte in Beschlag nimmt. Eine Umsetzung wäre möglich, das hieße allerdings den Bruch mit einer Tradition, für die Bösendorfer so berühmt geworden ist.

Der Spaziergang sollte ihm eigentlich etwas Ablenkung verschaffen, doch die Idee lässt ihn nicht los - ein Konzertflügel, der über volle acht Oktaven verfügt. Vor seinem geistigen Auge beginnen Mensurierung, Spreizen und Resonanzraum zu tanzen, führen ein Ballett der Konstruktion auf.Flüchtige Bilder huschen durch seinen Geist: Ton um Ton, Farbenreichtum und Klangspektrum. 

Als Ludwig am Schwarzenbergplatz ankommt, ist er erschöpft. Ihm ist, als hätte er zwölf Stunden in der Werkstatt verbracht. Schweißperlen treten auf seine Stirn unter dem Hut. Die Sonne blendet seine Augen und mit einem Mal wird er sich wieder der Gegenwart bewusst. Er sieht all die Menschen, die sich genau wie er in dieselbe Richtung bewegen. Schritt für Schritt der Sonne und der Zukunft entgegen. Ein Lächeln zieht sich über sein Gesicht und für den Bruchteil einer Sekunde ist Ludwig sorgenfrei und glücklich, Mühsal und Arbeit verlassen seine Gedanken,genau wie die Anstrengung, die die Arbeit manchmal mit sich bringt.

Default Alt-Tag

 Ringstrasse 2018 / Foto: Roland Pohl

 

In seinem Geist öffnet sich eine Türe und durch sie betritt er das unendliche Universum der Musik, eine Welt die nur aus Takt und Ton besteht, ein Ort an dem nur die eigene Vorstellungskraft eine Grenze ziehen kann.

Ludwig öffnet seine Augen und sieht sich umringt von Freunden und Wegbegleitern, am Puls der Zeit, an einem Sonntagvormittag auf der Wiener Ringstraße.

 


Um 1900 baut Ludwig Bösendorfer auf Anregung des Komponisten Ferruccio Busoni einen Konzertflügel mit vollen acht Oktaven Tonumfang und einer Länge von 2.90m. Dieser, später auch “Imperial” genannt, ist bis heute Legende und ein klangliches Juwel des Unternehmens. Komponisten wie Busoni, Dohnanyi  und Bartok kreierten Stücke für den “Imperial”, die nur auf diesem Instrument werksgetreu aufgeführt werden können.